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Santorini gilt im internationalen Diskurs vor allem als Insel der weißen Weine. Assyrtiko hat das Bild geprägt, nicht nur stilistisch, sondern auch erzählerisch. Dass es daneben eine rote Rebsorte gibt, die das vulkanische Terroir der Insel mit ähnlicher Konsequenz übersetzt, wurde lange übersehen. Mavrotragano ist kein Gegenentwurf zum Weißwein-Narrativ, sondern dessen logische Ergänzung.
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Ktima Gerovassiliou Avaton
Herkunft und Terroir – ein Wein aus karger Logik
Die Böden Santorinis sind hochporös, nährstoffarm und tiefgründig im wörtlichen Sinn nicht vorhanden. Wasser wird nicht gespeichert, sondern nur nächtliche Feuchtigkeit kurzzeitig gebunden. Bewässerung ist unüblich. Die Reben überleben, weil sie gelernt haben, mit Mangel umzugehen.
Die traditionelle Kouloura-Erziehung, bei der die Rebe bodennah zu einem geflochtenen Korb geformt wird, ist keine Folklore, sondern Schutzmaßnahme: vor Wind, vor Sonne, vor Verdunstung. Mechanisierung ist ausgeschlossen, Handarbeit zwingend. Hinzu kommt ein Umstand von erheblicher Bedeutung: Die vulkanischen Böden sind weitgehend frei von Reblausbefall. Viele Rebstöcke stehen ungepfropft, teils seit Jahrzehnten. Das ist kein sentimentales Detail, sondern beeinflusst Wuchs, Ertrag und Aromatik unmittelbar.
Mavrotragano reagiert auf dieses Umfeld mit kleinen Beeren, dicker Schale, wenig Saft und hoher phenolischer Dichte. Das Resultat sind Trauben, die nicht auf Volumen, sondern auf Struktur ausgelegt sind.
Historische Rolle und Rückkehr ins Bewusstsein
Historisch war Mavrotragano nie die prägende Sorte der Insel. Über Jahrhunderte spielte sie eine Nebenrolle, häufig im lokalen Kontext, ohne stilistischen Anspruch. Der Fokus lag – nachvollziehbar – auf weißen Sorten, allen voran Assyrtiko, die wirtschaftlich früher tragfähig waren. Mavrotragano galt als ertragsarm, arbeitsintensiv, wenig kalkulierbar.
Erst in den 1990er-Jahren änderte sich diese Sichtweise. Einzelne Winzer begannen, die Sorte nicht nur zu erhalten, sondern bewusst sortenrein auszubauen. Maßgeblich war dabei Haridimos Hatzidakis, der Ende der 1990er-Jahre zeigte, dass Mavrotragano mehr ist als ein rustikaler Inselrotwein. Seitdem gilt die Sorte als integraler Bestandteil des qualitativen Selbstverständnisses Santorinis.
Rebsorte und Weinbaupraxis
Der Name beschreibt die Rebe präzise: mavro (schwarz), tragano (knackig). Gemeint sind kleine, dickschalige Beeren mit hoher Pigmentierung. Typisch sind:
•sehr niedrige Erträge, häufig unter 2.500 kg/ha
•hohe Farbdichte und markanter Phenolgehalt
•späte Reife für Santorini-Verhältnisse, abhängig von Lage und Wind
Ungepfropfte Reben reagieren direkt auf Jahrgang und Standort. Die Weine zeigen wenig kosmetische Glättung, dafür klare Herkunft.
Sensorik – Struktur vor Charme
Mavrotragano ist kein gefälliger Rotwein. Die Farbe ist tiefdunkel, oft jugendlich violett. In der Nase finden sich dunkle Kirsche, Pflaume, schwarze Johannisbeere, dazu getrocknete Frucht. Prägend ist jedoch die Würze: Pfeffer, Rauch, Graphit, gelegentlich teerige oder eisenhaltige Noten. Diese Aromatik wirkt nicht aufgesetzt, sondern folgt dem Boden.
Am Gaumen steht die Struktur im Vordergrund. Straffer Auftakt, präsente Säure, feinkörniges, deutlich spürbares Tannin. Der Vergleich mit Nebbiolo ist naheliegend, weniger wegen der Aromatik als wegen der architektonischen Anlage des Weins. Süße Frucht oder mediterrane Weichheit sind nicht das Ziel.
Ausbau und Reifepotenzial
Mavrotragano verträgt Holz, sofern es dosiert eingesetzt wird. Französisches Barrique kann die Tannine abrunden und Tiefe geben, ohne die Herkunft zu überdecken. In seriösen Interpretationen öffnet sich der Wein nach fünf bis sechs Jahren, bleibt aber über ein Jahrzehnt tragfähig. Problematisch sind überextrahierte oder stark überholzte Stile – sie nivellieren die Spannung, die den Wein definiert.