Reife, helle Trauben leuchten im Abendlicht am Hang, während die Sonne über den Weinbergen sinkt.

Riesling

Riesling gehört zu den wenigen Rebsorten, bei denen Herkunft kein Zusatz, sondern Voraussetzung ist. Unterschiede zwischen Lagen, Böden und Klimazonen zeigen sich hier nicht nuanciert, sondern deutlich. Wer Riesling liest, liest immer auch den Standort – und die Entscheidungen, die im Weinberg getroffen wurden.

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            Herkunft & historische Einordnung

            Riesling ist keine Rebsorte, die sich erklärt. Sie wird gelesen – über Jahrzehnte, über Lagen, über Jahrgänge. Ihre Geschichte beginnt nicht mit Mythos, sondern mit Aktenlage: 1435 taucht der Name erstmals in Rüsselsheim auf, dokumentiert im Besitz des Grafen Johann IV. von Katzenelnbogen. Ein Hinweis darauf, dass Riesling früh als wertvolle, bewusst bewirtschaftete Sorte galt.

            Der entscheidende Schritt folgt im 18. Jahrhundert im Rheingau. Auf Schloss Johannisberg wird erstmals eine gesamte Lage ausschließlich mit Riesling bepflanzt. Keine Ergänzung, keine Absicherung. Dieser Akt ist weniger romantisch als programmatisch: Riesling wird zur Sorte, die Herkunft nicht begleitet, sondern definiert.

            Von hier aus entwickelt sich ein Stilverständnis, das bis heute trägt – leise, präzise, kompromisslos.

            Anbaugebiete & Terroir

            Riesling reagiert empfindlich auf Standort und Klima. Er verlangt kühle Bedingungen, gute Durchlüftung und Böden, die nicht beschleunigen. Seine Stärke liegt nicht in früher Reife, sondern in Verzögerung. Genau darin entsteht Differenzierung.

            Deutschland bleibt das Referenzland, nicht durch Einheitlichkeit, sondern durch Kontrast:

            Mosel: Schiefer, extreme Hanglagen, niedrige Alkoholgrade, kristalline Säure.
            Rheingau: Mehr Druck, dichter gebaut, oft mit würziger Tiefe und Struktur.
            Pfalz: Wärmer, reifer, körperbetonter, dennoch klar geführt.
            Nahe: Geologisch vielschichtig, stilistisch präzise, häufig von innerer Spannung geprägt.
            Mittelrhein: Kühl, zurückhaltend, säurebetont, fein in der Frucht.

            International zeigt Riesling keine Kopie, sondern Anpassung: Elsass mit mehr Volumen und Trockenheit, Wachau und Kamptal mit straffer Textur und mineralischer Klarheit, Australien (Clare, Eden Valley) mit zitroniger Schärfe und bemerkenswerter Haltbarkeit, Washington State mit sauberer Frucht und moderater Säure. Entscheidend bleibt überall der Umgang mit Ertrag und Lesezeitpunkt.

            Stil & sensorisches Profil

            Riesling ist kein Primäraromenwein. Limette, grüner Apfel, weißer Pfirsich sind Orientierung, nicht Ziel. Der Kern liegt in der Säurestruktur: tragend, präzise, selten weich. Sie verleiht dem Wein Spannung und erklärt sein außergewöhnliches Reifepotenzial.

            Mit Flaschenreife treten tertiäre Noten auf – oft petrolartig, gelegentlich missverstanden, aber sortentypisch. Große Rieslinge verlieren mit den Jahren nichts an Kontur, sondern gewinnen an Tiefe. Alter ist hier kein Effekt, sondern Funktion.

            Das stilistische Spektrum reicht von kompromisslos trocken bis hochkonzentriert edelsüß. Unabhängig davon bleibt der Charakter konstant: linear, strukturiert, nicht dekorativ.

            Ernte & Ertragsmanagement

            Riesling reift spät. Das verlangt Erfahrung und Geduld. In qualitätsorientierten Betrieben wird selektiv gelesen, häufig in mehreren Durchgängen. Entscheidend ist nicht das Mostgewicht allein, sondern die physiologische Reife der Beeren.

            Hohe Erträge führen unweigerlich zu Verlust an Präzision. Entsprechend niedrig fallen sie in anspruchsvollen Lagen aus. Riesling zeigt Fehler offen – und Qualität ebenso.

            Bedeutung & internationale Stellung

            Mit rund 24.000 Hektar Rebfläche hält Deutschland etwa 40 Prozent des weltweiten Rieslingbestands. Frankreich, Österreich, Australien, die USA, Kanada und Neuseeland folgen mit jeweils eigenständigen Stilbildern. Die globale Produktionsmenge bleibt vergleichsweise gering. Riesling ist kein Volumenwein, sondern Referenz.

            Maßstäbe & Referenzen

            Einige Erzeuger stehen exemplarisch für den disziplinierten Umgang mit der Sorte:

            Weingut Joh. Jos. Prüm (Mosel) – Feinheit, Balance, außergewöhnliches Alterungspotenzial.
            Weingut Künstler (Rheingau) – strukturierte, trockene Rieslinge mit Herkunftsfokus.
            Schloss Johannisberg – historischer Ursprung und bis heute stilbildend.

            Gemeinsam ist ihnen kein Stil, sondern eine Haltung: Konzentration auf Lage, Reduktion auf das Wesentliche, konsequentes Arbeiten im Weinberg.

            Abgrenzung & genetische Einordnung

            Riesling ist klar definiert. Kreuzungen wie Müller-Thurgau verfolgen andere Ziele. Sorten mit ähnlichem Namen – etwa Welschriesling – sind genetisch nicht verwandt. Keine erreicht die strukturelle Tiefe, Präzision und Langlebigkeit des echten Rieslings.

            Zwei Menschen stoßen im Weinberg mit Weinflaschen an und lächeln sich herzlich an.

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